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Der die Zeichen liest - Pechschwarze Satire?

„Der die Zeichen liest“ ist ein Film über die dogmatische Berufung auf Autoritäten. Dogmatisch in dem Sinne, dass der Protagonist Benjamin fortwährend aus der Bibel zitiert, ohne seine Aussagen weiter zu erklären. Der überwiegende Anteil dessen, was aus seinem Mund kommt, sind wortgetreue Bibelpassagen. Somit entzieht er sich als Filmcharakter jeder Psychologisierung und lässt sich nur als Allegorie verstehen. Der Zuschauer erfährt nichts über seine Antriebe, seine Gefühle oder sonstiges aus seinem Innenleben. Benjamin wird zum verkörperten Dogma, zum erstarrten Sinngefüge (Wort der Bibel ohne Deutung), dass starrsinnig in eine Welt der unterschiedlichen Perspektiven und Anschauungen hereinbricht.

In der ersten Szene folgt die Kamera in einer langen brillant gefilmten Plansequenz der Mutter Benjamins in ihr abgedunkeltes Haus. Letzterer wartet unbewegt ruhend in seinem Zimmer. Konfrontiert mit der Frage, warum er nicht beim Schwimmunterricht teilnehme, bekennt er sich auf das Drängen seiner Mutter hin zu seiner Religion, die das zunächst noch mit einem Lachen abtut. Im weiteren Verlauf verhärtet sich dieses Bekenntnis und die Umstehenden zeigen sich kraftlos gegen die Wucht der klaren Worte. Einzige Gegenspielerin ist Benjamins Lehrerin, die zuletzt keinen anderen Weg findet, gegen seine Thesen vorzugehen, als auf die gleiche Weise Bibelpassagen zu zitieren.

Die Kamera fährt oft ungeschnitten durch die grotesken Szenerien und sucht sich ihre Fixpunkte, die dann sogleich von fotografischer bildkompositorischer Schönheit sind. Auf der einen Seite hält sich der Bildaufbau dabei an strikte Konventionen, überschreitet diese auf der anderen Seite jedoch im nächsten Moment durch ungewohnte Szenenübergänge und unübliches Framing. Auch die einsetzende Metal-Musik wirkt satirisch, wenngleich der Bildinhalt zutiefst ernst genommen werden möchte. Wenn man hierbei von schwarzem Humor sprechen möchte, dann von pechschwarzem, denn in jedem Moment ist klar, dass der Film in Unheil gipfeln muss.

Auf der Form- und auf der Inhaltsebene stellt „Der die Zeichen liest“ das bleischwere Einfallen unbeweglicher Tradition in eine bewegliche Welt dar. Das kommt umso tragischer und kontrastreicher daher, weil es ein Jugendlicher ist, der zum unverbesserlichen Starrkopf mutiert. Die Jugend, Sinnbild für Veränderung, versteift zum statischen Diktum.

Nun ist es aber schwer zu erkennen, was der Film letztendlich sein will: Gesellschaftskritik? Religionskritik? Ein reines spielerisches „was wäre, wenn“-Szenario? Oder pure bitterböse Satire? Worin der Film sich jedenfalls erkenntlich zeigt, ist in seiner Kritik am festen Wort, an der zweifellosen Meinung, an dem die Andersdenkenden oder Andersfühlenden sich unausweichlich schneiden müssen. Einem Protagonisten zuschauen zu müssen, der reines Dogma ist, erweist sich als anstrengend und unbefriedigend, trägt aber auch die wichtige Erfahrung totalitärer Sprachpolitik in sich, an der man, wenn man sich erst einmal durch ihre lähmenden Schlingen durchzuwinden verstanden hat, reifen kann, um dann weiterhin bedacht zu sprechen und nicht bloß vorzulesen.