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The Brian Jonestown Massacre - Don’t Get Lost

Das sechszehnte Album der US-amerikanischen neo-psychedelischen Rockband The Brian Jonestown Massacre (BJM) um Anton Newcombe ist nur 4 Monate nach deren zuvor veröffentlichten Album „Third World Pyramid“ erschienen. Nicht verwunderlich, da die Band einer dieser Randphänome zu sein scheint, die weder aufs Datum genau im Takt der Pop-Musikmaschinerie Alben herausschleudert, noch sich vor übermäßigem Erwartungsdruck ziert, überhaupt neue Musik zu machen. Diese „marktexterne“ kommerzielle Unbeschwertheit spürt man auch im neusten Album.

Gleich der erste Titel „Open Minds Now Close“ beginnt mit einem leicht vibrierenden Stereo-Synthesizersound, der einen unmittelbar auf das soghafte Erlebnis des Albums einstellt, gefolgt vom ersten ungeschminkten Schlag des Schlagzeugs, das in einem immer sich fortspinnenden Rhythmus mit der synthetischen Welle im Hintergrund zum Rausch einlädt. Erst einmal darauf eingelassen, führt das Album weiterhin in die Tiefen synthetischen Diliriums. Dann werden nur noch Wörter von Farben in den Raum gesungen, oder vielmehr gesprochen, begleitet von minimalistischen Klängen. Alles nur, um im nächsten Moment mit analogeren Tönen zu ernüchtern. Ein wenig schneller, stampfender, rockiger. Halt. Zurück. Dumpfes einlullendes instrumentales Zwischenspiel im vierten Song des Albums „Charmed I’m sure“. Die ersten vier Titel führen in das Album ein, wie in einen Dialog, dem man gespannt zuhören möchte. Die diskutierenden Kontrahenten sind auf der einen Seite digitales Ambiente und auf der anderen Seite analoger Rock mit treibendem Schlagzeug und dreckigem Gesang.

„Groove Is In The Heart“ versöhnt dann beide in einer Symbiose miteinander. Gastsängerin Tess Parks schließt sich dem spärlich eingesetzten unterdrückt klingendem Gesang Newcombes an und wechselt sich mit der vorsichtig tastenden expressionistischen E-Gitarre ab. „One Slow Breathe“ bietet daraufhin einen über siebenminütigen Moment der unbeschwert lethargischen Ruhe. Man fühlt sich in Watte gepackt. „Throbbing Gristle“ reißt schlagartig aus diesem liederschweren Zustand heraus und lässt die Vibration des unaufhörlichen synthetischen Hintergrundsummens aufbrausen. Das Lied endet mit einem langen Moment gänzlicher Ruhe und markiert den nächsten Umschwung.

In „Fact 67“ wird der Gesang nasaler und freundlicher. Er unterstützt den groovigen bildstarken Soundtrack des Liedes, das sich Stück für Stück aufbaut, um dann sanft auszufaden. „Dropping Bombs On The Sun“ bildet das Herzstück des Albums. Das stotternde Schlagzeug wird durch einen ambienten solaren Klang aufgefangen. Tess Parks kommentiert eindruckslos mit erweichend apathischem Gesang. Zwischen Untergang und Achselzucken fließt das Lied dahin. In „UFO Paycheck“ wird es dramatischer und melodischer: irgendetwas scheint passiert zu sein.

Dann vermischen sich Hip-Hop Elemente mit Trance und Jazz Elementen, die schwer einzuordnen sind. Deutsche und undeutbare Songtitel sorgen für vollkommene Verwirrung. Der vielleicht punkigste Song des Albums „Nothing New To Trash Like You“ destruiert das zuvor gehaltene Zwiegespräch zwischen digitaler Ambiente und analogem Rhythmus und den monotonen hypnotisierenden Gesang. Am Ende in „Ich bin Klang“ wird eine computerartige Stimme montageartig mit sich selbst ineinander verschränkt, die unter anderem äußert: „Am Anfang war Ton“, „Schwingungen rasten schnell durchs Universum“, „Am Ende ist Ton“. Die Melodie ist erlösend.

Mit einem bunten Schaltkreis als Cover bezeugen The Brian Jonestown Massacre das zentrale Motiv ihres neuen Albums. Es geht um die Ängste digitaler Neuerungen. Um den Verlust des Ich-Gefühls in einer Sphäre elektronischer Schaltreise. Um Bomben auf der Sonne, Ufos und Krieg: um digitale Bilderflut und Unmengen an Farben. „Dont’t Get Lost“ antwortet und appelliert das Album daraufhin. Die Musik und ekstatische Klänge sind ursprünglicher als die Sorge um sich und die Welt: „Die schönsten Bilder war der Klang. Und noch heute sieht man sie noch auf dem Panzer einer Schildkröte oder dem Fell eines Geparden. Doch am Ende bleibt der Ton.“