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Straw Dogs - Die unabdingbare Gewalt des Sozialen

Was Straw Dogs (dt. Wer Gewalt sät) zu so einem großartigen Film über Gewalt, Leid und Leidenschaft macht, ist nicht sein spannungsgeladener klimatischer Aufbau, der in einer Orgie voll roher Wut mündet, am Anfang angeblich oder scheinbar friedlich, dann allmählich martialischer, Missbehagen hervorrufend und letztlich unerklärbar destruktiv, sondern die schon eingangs vernehmbare Atmosphäre unumgänglichen Übels, die gleichermaßen im fortschreitenden Film Aufrecht erhalten bleibt.

Notwendigkeiten sich neigend, zeigt der Film keine Spirale und keinen Aufbau der Gewalt, sondern deren Allgegenwärtigkeit, ja dessen sinnlose Verankerung in der Gesellschaft… in der Gesellschaft, denn alles was hier Unbehagen bereitet, sind die Bande zwischen Mensch und Mensch. Die Begierden und Wünsche, die Forderungen an die anderen und die eigene Moral und Meinung über das richtige Leben prallen derart aufeinander, dass jede utopische Idee von einem harmonischen Miteinander der Menschen kompromisslos ad absurdum geführt wird. Denn auch die Hauptperson, der rationale Mathematiker David, eckt mit seinem allzu stabilen Weltbild an. Sein starrköpfiger Wunsch nach Einsamkeit, sein menschenferner Blick zu den Sternen, verhält sich gegenläufig zu seinem Wunsch nach menschlicher Wärme, Anerkennung und Freundschaft. Die Flucht vor dem Sozialen bietet ebenso wenig eine Lösung, wie die Anerkennung der scheinbar verbindlichen Regeln des Sozialen. Die Flucht des Sozialen als auch die Teilnahme an diesem sind beide auf die gleiche Weise der Konfrontation im menschlichen Austausch unterlegen. So ist Davids Aussage zu seiner Frau, er wolle doch nur in Frieden oder alleine seiner Arbeit nachgehen, unausweichlich ein soziales Statement, selbst wenn in jener Aussage der Wunsch nach einem menschenleeren Exil in Anschlag gebracht wird.

Bleischwer legt Peckinpah die unentrinnbaren Bande, beschwert durch tierische Begierden, symbolisch aufgeladen, zwischen seine Figuren und erzeugt somit ein Gefühl der endlosen Beklommenheit, dem keine Auflösung, keine Katharsis anheimgestellt wird. Das macht Straw Dogs zu einem schwierigen und schwermütigen Film. Weil er nicht zeigt, wie Gewalt entsteht, sondern dass Gewalt unabdingbar und fundamental während des Films und auch noch nach dem Film fortbesteht. Keine Lösungen werden angeboten. Auch das feierlaunische naive Tröten der Kleinkinder wird auf geniale und gleichfalls grauenvolle Weise mit Vergewaltigungsausschnitten parallel montiert. Und zuletzt nimmt einem Peckinpah noch die Erhabenheit über das richten zu dürfen, was dort geschieht. Der verurteilende Blick Davids Frau auf dessen mörderischen Kampf ums Überleben wird durch ihre kurz darauffolgende eigene unausweichliche Gewalttat dekonstruiert. Was bleibt ist ein beschämter Blick voller Verzweiflung und Entsetzen, in dem das Gewahr werden der sozialen Dystopie von Grausamkeit und Leid durchschimmert.

Das alles macht Straw Dogs zu einem wuchtigen Film, dessem Pessimismus man sich kaum zu entziehen vermag. Effektvoll geschnitten und bedacht in Szene gesetzt, aber es bleibt ein trotziger Pessimismus, der manch heiterer Seele doch zu schwer im Magen liegen könnte. Und vielleicht auch soll.