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6 Balloons - Vom Ersticken

Eine Überraschungsfeier. Ein Heroinsüchtiger und seine sich sorgende Schwester. Mit dabei sein Kind. Aus dieser Dreiteilung bezieht der Film seine Qualitäten.

Dave Franco spielt den Drogensüchtigen mit Hingabe. Jeder seiner Blicke und Bewegungen sollen ein tiefsitzendes Leiden seines Charakters bezeugen. Ein vom Leben gequälter und gesellschaftlicher Versager. Die Schwester, wunderbar gespielt von Abbie Jacobson, steht im Mittelpunkt. Auf sie bezieht sich die Stimme im Off, die in einem nüchternen Lebensratgeber-Hörbuch-Ton ihre Gefühle durch die Metapher des sinkenden Bootes umschreibt. Sie fühlt ich verpflichtet, sie sorgt sich um ihren Bruder. Sie sitzt mit ihm im selben Boot. In der Realität des Films ist dieses Boot das Auto, mit dem sie durch die Nacht fahren, um seine Drogensucht zu stillen. Das Kind auf der Rückbank versinnbildlicht kontrastiv die noch unberührte Leichtigkeit des Daseins, wodurch das erschreckende Leiden des Vaters durch die Kinderaugen umso gebrochener erscheint. Die parallel stattfindende Überraschungsparty setzt dem die herausgeputzte Scheinwelt gelingenden gesellschaftlichen Zusammenlebens ohne Schmerzen und Probleme entgegen.

Zwischen diesen drei Welten steht die Protagonistin und spielt die Vermittlerin, diejenige die das Leiden heilen will, die Wogen glätten, das Kind beschützen, für ihren Mann und die anderen Partygäste da sein. Dabei vergisst sie sich selbst, bzw. drängt ihre Gefühle nach Innen hin zurück. Dieses Gefühl der gehemmten Expression, das durch die Metapher des sinkenden Bootes, des Erstickens ihrerseits, expliziert wird, findet sich einfühlsam gefilmt in der gesamten Atmosphäre des Films wieder: Der klaustrophobische Raum des Autos in der dunklen Nacht, der schwitzende klagende Bruder auf dem Beifahrersitz und das sich kaum in die Situation integrieren lassende unbeschwert lallende Kind auf der Rückbank. In der Ferne die wartenden Partygäste.

6 Balloons ist ein ungemütliches Kammerspiel, das mit der Unwissenheit des Zuschauers über die Beweggründe für den leidbringenden Drogenkonsum des Bruders spielt, was das Leiden zu einem Existenziellen macht. Dabei lässt der Film die Perspektive der Schwester nachfühlen, deren ganze Welt sich erwartungsvoll an sie richtet, obwohl in ihrem Inneren angestaute Emotionen sind, die selbst nach Ausdruck, nach Befreiung schreien.

Dieses Gefühl zu vermitteln schafft der Film. Die metaphorische Befreiung am Ende, das Verlassen des Boots, ist jedoch zu rabiat und geschieht zu leise, als dass darin die Wucht des emotionalen Ausbruchs adäquat in Bilder gebracht worden wäre. Und auch die achtsame und diskrete Art des Films, sich an allen Stellen gleich behutsam in seine Charaktere hineinzuhorchen, bietet zu wenige Reibungspunkte und Aufs und Abs, sodass am Ende, trotz des Feingefühls, alles etwas monoton und flach daherkommt. So vermittelt der Film zwar gekonnt ein bestimmtes Gefühl und veranschaulicht es als Metapher, als Erzähler einer im Gedächtnis bleibenden Geschichte aber scheitert er.